Im Rahmen des 2. Treffens der Kulturschaffenden in Oberberg, eingeladen von Dr. Gero Karthaus am 11.09.2008 in der Aula des Hollenberg Gymnasiums, hielt Thorsten Kuchinke, Vorsitzender des WKT nachfolgenden Vortrag, der die Anwesenden so begeisterte, dass Sie um deren Veröffentlichung baten:
„Sehr geehrte Damen und Herren, liebe „Kulturträger“,
ich begrüße Sie im Namen des Waldbröler Kulturtreffs WKT und des WKTheaters hier in Waldbröl. Ich freue mich, dass Sie den Weg in unsere „Südkreismetropole“ auf sich genommen haben, um am „2. Treffen der Kulturschaffenden“ teilzunehmen.
Der WKT wurde 1989 gegründet zum „Zweck der Förderung der Kulturarbeit im Bereich der Stadt Waldbröl“, wie es so schön trocken in unserer Satzung formuliert ist. Das Besondere dabei ist, dass der WKT nicht einfach von kulturbegeisterten oder kulturverrückten Bürgern ins Leben gerufen wurde, sondern im Kulturausschuss der Stadt gegründet wurde. Dementsprechend ist unser juristischer Sitz auch das Rathaus und die Stadt Waldbröl selbst ist im Vorstand vertreten. Wir sind also quasi das ehrenamtliche Kulturamt der Stadt.
Unsere Arbeit umfasst neben der Organisation eigener Veranstaltungen auch die
Zu unserem festen Programmumfang zählen Literaturabende, Lesungen, Vorträge, Museumsfahrten und Kunstausstellungen an wechselnden Orten, wie zum Beispiel die Ausstellungsreihe „Kunst im Rathaus“. Selbständig unter dem Dach des WKT arbeiten das Kammerorchester und das WKTheater.
Das WKTheater blickt auf 49 unterschiedliche Produktionen zurück, angefangen von der kleinen Lesung bis hin zur Großproduktionen mit überregionalem Interesse, wie zum Beispiel Carl Orffs „Camina Burana“ im Jahre 2006.
Oftmals hört man die Frage: „Wozu braucht eine Kleinstadt Kultur?“ Schnell wird dann nachgeschoben, dass man ins Konzert oder ins Theater eh besser nach Köln fahre. Das Knock-Out- Kriterium für solche Diskussionen ist dann zumeist, dass eine Kommune in der heutigen Zeit dringlichere Probleme zu lösen habe.
Ihnen heute brauche ich nicht die Bedeutung der Kultur für die Lebensqualität darzulegen und auch der schöne Begriff des „weichen Standortfaktors“ kann in der Tasche bleiben.
Wie können wir aber die Kulturarbeit auf der kleinsten, lokalen Ebene innerhalb einer Stadt oder Gemeinde voran bringen? Dazu kann es hilfreich sein, das Augenmerk auf die horizontale und vertikale Zusammenarbeit zu legen – horizontal: zwischen den einzelnen Vereinen und Institutionen – und vertikal: zwischen Politik beziehungsweise Verwaltung und den Kulturschaffenden.
Eigentlich selbstverständlich sollte das Gebot gegenseitiger Rücksichtnahme sein. Trotzdem
erlebt man es in der Praxis immer wieder, dass plötzlich an einem Abend fünf verschiedene
Veranstaltungen zu selben Zeit stattfinden. Das ist sowohl für den jeweiligen Veranstalter ärgerlich, als auch für den potentiellen Zuschauer, der sich eben nicht teilen kann.
Solche Terminkollisionen lassen sich in der Stadt mit einer lebhaften Kulturszene nicht immer ausschließen. Leicht vermeidbare Überschneidungen sind aber ärgerlich, und darauf beruhendes Konkurrenzdenken oder gar Missgunst sind es noch viel mehr.
Für nicht minder wichtig halte ich neben der Rücksichtnahme das Gebot gegenseitigen Beistands.
Auf horizontaler Ebene bedeutet dies eine Zusammenarbeit von Vereinen, Künstlern, Institutionen und Kirchen. Auch die lokale Wirtschaft oder der Einzelhandel – in Waldbröl zum Beispiel im Rahmen der WEW – sollte einbezogen werden. Manchmal reicht es dazu aus, die Scheuklappen abzunehmen und einmal nach links oder rechts zu sehen, wer neben mir auch noch Kultur in meiner Stadt betreibt.
Dann ist der Weg offen für engere Zusammenarbeit. Meist entsteht eine solche Verbindung im Rahmen einzelner Projekte und verläuft dann wieder schnell im Sande. Das ist auch insofern natürlich, als dass die Kulturträger unterschiedliche Betätigungsfelder aufweisen: Die Wege des Theaters und des Chors trennen sich, nachdem die Oper gut über die Bühne gebracht wurde.
Von der projektbezogenen Arbeit bleibt dann nichts übrig, außer vielleicht ein paar Zeitungsausschnitten oder einigen privaten Freundschaften. Ich meine aber, dass es durchaus Sinn machen kann, weiterhin über Vereins- oder Institutionsgrenzen hinweg in Kontakt zu bleiben.
In Waldbröl versuchen wir mit der Wir für Waldbröl GmbH, in der der WKT seit ihrer Gründung als Gesellschafter mitwirkt, eine solche Basis zu schaffen.
Auf vertikaler Ebene, also zwischen Stadt oder Gemeinde und den Kulturschaffenden, sind die Beistandspflichten noch weitreichender. Das Gros der Kulturträger arbeitet ehrenamtlich, Fördergelder sind rar.
Nun kann man aber von Kommune, Kreis oder Land nicht verlangen, jeden Verein oder jede kulturelle Institution mit üppigen Mitteln auszustatten, jedenfalls nicht in den Zeiten knapper Kassen.
Was aber bleiben muss, ist eine Grundversorgung mit Kultur. Diese Grundversorgung dient aber nicht primär den Interessen der Vereine und Institutionen, sondern sie dient unmittelbar dem Bürger. So wie die Menschen einen Anspruch darauf haben, dass das Wasser trinkbar ist, die Straßen befahrbar sind und die Kinder zur Schule gehen können, so haben sie auch einen Anspruch darauf, ortsnah Kultur selbst zu veranstalten oder solche Veranstaltungen besuchen zu können.
Um dies zu ermöglichen, muss von öffentlicher Hand ein Mindestmaß an kultureller Infrastruktur bereitgehalten werden. Welche Anforderungen im Einzelnen an die notwendige Infrastruktur zu stellen sind, mag jeder anders beantworten, auch in Abhängigkeit von der Größe der Stadt oder Gemeinde. Bonn hat mehr zu leisten als Siegburg, und Siegburg mehr als Waldbröl.
Unabdingbar aber für eine kleine oder mittlere Stadt sind beispielsweise eine öffentliche Bücherei. Hier in Waldbröl ist der Bestand der Bücherei gesichert, sie soll sogar als erste im Oberbergischen Kreis eine Zertifizierung erhalten. Ebenfalls ausgesprochen wichtig sind Räume für Ausstellungen und auch ein Veranstaltungsort wie diese Aula, für Konzerte, Theater, Schulveranstaltungen oder Versammlungen wie die heutige.
Findige Verantwortliche verfallen bei diesem Thema gern auch dem „Mehrzweckwahn“: Ein großer Raum, vorzugsweise eine Sporthalle, muss für viele Nutzungen herhalten.
Kultur ist das, was man daraus macht – das gilt aber nur in gewissen Grenzen. Für Großveranstaltungen mag eine Sport-Mehrzweckhalle praktisch sein, ein Kammerkonzert in einer Turnhalle ist aber keine reizvolle Vorstellung. Gewisse Nutzungen sind eben an entsprechende Räumlichkeiten gebunden; schließlich käme ja auch niemand auf den Gedanken, in einem Konzertsaal Fußball zu spielen.
Die öffentliche Hand stellt also die Infrastruktur als Basis für die Kultur zur Verfügung. Nun darf die Kultur nicht nur nehmen, sondern muss auch geben; das ist sozusagen die andere Richtung des Beistandsgebots.
Wie anfangs gesagt, steht die grundsätzliche Wichtigkeit des Kulturschaffens außer Frage. Aber eine Stadt oder Gemeinde profitiert auch ganz praktisch von den Kulturvereinen und -institutionen.
Hier in Waldbröl beispielsweise übernimmt der WKT neben seinen eigenen Veranstaltungen auch eine Koordinierungstätigkeit und erspart der Stadt Waldbröl damit Arbeit und Aufwand. Ebenso stellt das WKTheater seine Technik zur Verfügung: Fast die gesamte Licht- und Tontechnik in diesem Gebäude ist von uns im Laufe der Jahre eigenfinanziert angeschafft worden und wird seitdem von der Stadt gerne genutzt.
Und nicht zuletzt können und sollten wir Kulturschaffenden unsere eigene Stadt oder Gemeinde unterstützen, mit dem, was wir am Besten können: Musik, Theater, bildende Kunst oder was auch immer.
Warum sollte zum Beispiel ein Neujahrsempfang ohne eine unterhaltsame Musikeinlage stattfinden, wenn doch ein Chor am Ort ist? Und die Einweihung eines Denkmals ist viel interessanter, wenn ein Theater dazu eine Szene darbietet. Und warum sollten die Wände im Rathaus weiß und leer bleiben, wenn es genügend Malerinnen und Maler gibt, die gerne ihre Werke zur Verfügung stellen?
Das sind meine Vorstellungen von Rücksichtnahme und Zusammenarbeit. Vielleicht sind diese Ansichten zu idealistisch. Aber andernorts sind diese Vorstellungen Realität – kann man dann zu idealistisch sein? Vielleicht sagen Sie als „alte Hasen“: Wir haben es schon so oft probiert, aber es hat nicht funktioniert. Und vielleicht werde ich Ihnen in zehn oder zwanzig Jahren dann zustimmen.
Aber ich bin noch nicht lange in diesem Geschäft, daher verzeihen Sie mir bitte heute meinen Idealismus.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit und Ihr Interesse. Für Fragen, Anregungen oder Kritik bin ich dankbar, Sie erreichen mich per E-Mail an thorsten.kuchinke(a)wktheater.de